| Eine Winterreise |
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| Geschrieben von Jürgen Laarmann | ||||||||
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Der Mitte Boy reist mit der Bahn - Ein Erlebnisbericht
Winterchaos gibt’s ja überall, in Berlin ist es ein besonderes Vergnügen, gerade wenn man zu Weihnachten weg will. Die Airlines empfahlen auf den Bahnverkehr umzusteigen, weil Tegel dicht war und „innerdeutsch“ eh nichts mehr ging. Die Bahn ließ ausrichten, dass man es vielleicht lieber über die Straße versuchen sollte, aber die traurigen Berichte von einem Bekannten, der allein bis Potsdam dreieinhalb Stunden gebraucht hatte, ließen Ratlosigkeit aufkommen. Also hieß es: Abreise zwei Tage nach hinten zu verlegen. Einen Zug mit Reservierung buchen und ganz schlau sein, nämlich vom Ostbahnhof zu starten, weil da ja die Züge in den Westen starten und am Hauptbahnhof bereits totales Chaos sein könnte. 8.20 Uhr planmäßige Abfahrt und schon 10 Minuten vorher da mit meiner Begleiterin, die „ich habe jetzt ein gutes Gefühl“ mantramäßig vor sich hin murmelte. Punkt 8.20 Uhr kam nicht der versprochene ICE Richtung Basel, sondern eine Durchsage, dass dieser Zug wegen „Triebwerksschaden“ bescheidene 20 Minuten Verspätung habe. Nicht schön bei – 14 Grad, aber im Rahmen – und „Basel“ verschwand wieder vom Display, wo ein paar stark verspätete oder annullierte Regionalzüge auftauchten. Nach 20 Minuten wurde die Verspätung wegen Triebwerksschaden auf weitere 20 Minuten verlängert und es fing an richtig kalt zu werden. In der Zwischenzeit hatten wir Mitreisende kennen gelernt, die berichteten, dass sie am Tage vorher nicht nur wegen Triebwerksschaden auf den 8.20 Uhr, 10.20 Uhr und 12.20 Uhr Zug nach Basel gewarteten und dann entnervt aufgegeben hatten. Das Tolle am Ostbahnhof ist, dass die Durchsagen auch wirklich nur am Gleis zu hören sind und keinesfalls in der Haupthalle. Als schließlich die Verspätung des Basel-Zugs auf unsportliche 80 Minuten annonciert wurde, überlegten wir, auch ohne Platzreservierung den 9.23 Uhr Zug nach Stuttgart zu nehmen „einfach um wegzukommen“ und unsere Plätze zur Not nach dem „Recht des Früheren und Stärkeren“ gegen eventuell Zusteigende zu verteidigen. Um Punkt 9.23 Uhr folgte prompt die Durchsage, dass auch dieser Zug sich wegen Triebwerkschaden um 20 Minuten verspäten sollte, was ein höhnisches Lachen auslöste. Angesichts der Tatsache, dass das Bahndepot zum Reparieren von Triebwerk- und sonstigen Schäden gerade mal 3 Km weg lag, kam es einem so vor, als sei die Bahn nicht mal mit ihren Ausreden besonders schlau. Und bei 14 Grad minus hilft einem das ständig heruntergebetete „we apologize for your inconvience“ auch nicht wirklich weiter. Das Wort „doch einen Mietwagen nehmen“ fiel. Doch auf einmal wurden wir durch die Nachricht überrascht, dass für den Basel-Zug und anstelle des Stuttgart-Zugs ein Ersatzzug bereitgestellt wurde, der tatsächlich 1 Stunde und 20 Minuten nach ursprünglicher Startzeit einrollte und von uns in Beschlag genommen wurde. Dieser war natürlich schon am Ostbahnhof gut voll, dennoch gelang es uns, an Sitzplätze zu kommen – auch wenn unsere Reservierungen nicht mehr gültig waren, wie man uns als erstes mitteilte. „Hm, das ist aber kein ICE“ stellte meine Begleiterin fest, auch dass die Heizung nicht so richtig ging. Vom Wagendesign her freuten wir uns über eine gewisse Nostalgie. Spät-Sixties oder Seventies lautete unsere Analyse zu den Baujahren der Wagons, ein Mitreisender wollte sogar wissen, dass es sich bei der Wagenedition um eins der letzten Reichsbahnmodelle handelte. Der Zug setzte sich in Bewegung – das war ja schon mal was. Im Hauptbahnhof und Spandau wurde es dann wie erwartet richtig voll, verfrorene Gestalten campierten mit dem Gepäck auf den Gängen. Der Zug fuhr durch die wunderschönen Schneelandschaften des Ostens. Auf der Wegstrecke kamen wir an zwei bis drei auf freier Strecke stehenden ICEs vorbei. Monumente wenig wetterfesten Fortschrittsglaubens. Wir hingegen hatten herausgefunden, dass es in unserem Oldschool-Zug kein Bordrestaurant, kein Bordbistro, keine Verpflegungsstelle und keine Toilette, zumindest in der Nähe gab, an der nächstgelegenden war ein Schild „Personal“ mit Edding geklebt. Auf einmal kamen Bahnangestellte und verschenkten „Wasser“ oder „Vollkornbrot“ – beides ging nicht, denn es sollte ja genug für alle da sein und ich dachte mir schon „da ist was im Busch“. Keine 10 Minuten später kam folgende Durchsage „Aufgrund der ausgefallenen Heizungen und des Stroms sowie des Schneebefalls in einigen Abteilen fährt dieser Zug nur bis Göttingen, von wo sie Anschluss haben“. Das Zugpersonal, das sich zuvor in einem Abteil verbarrikadierte, hatte sich verflüchtigt. Immerhin war die Toilette freigeworden und der Verdacht wurde laut geäußert, dass es dem Bahnchef alleine darum gegangen sei, uns Nörgler aus dem Gebiet Berlin abzuschieben. Im Bummelzug Tempo ging es weiter nach Göttingen. Dort wurden wir ermahnt, uns doch gleichmäßig auf die folgenden Züge zu verteilen, weil die nächsten auch schon überfüllt wären. Daran hielt sich natürlich kein Mensch und so stürzte der ganze Zug in Windeseile rüber zum bereitstehenden ICE Richtung Zürich, der zwar auch erhebliche Verspätung hatte, aber jetzt genau gegenüberstand. Es kam zu würdelosen Drängeleien, die an die Abreise irgendwelcher Zivilisten aus den Kesseln des zweiten Weltkriegs erinnerte inklusive Action-Szenen, wie Handtasche fällt unter Zug und Oma krabbelt hinterher – Gott sei Dank mit Happy End. Im ICE war’s dann also richtig kuschelig und wir setzten uns auf unser Gepäck in den Gang. Meine Begleiterin freundete sich mit einem Gipsfuß-Raver an und ich wagte im Karate-Kid Style den Gang zum Bordrestaurant, wo ich tatsächlich irgendwann einen Sitzplatz ergattern konnte und mich dann so lang wie es ging an einem Wasser und einem schmackhaften Currygericht von einem mir nicht bekannten Fernsehkoch festhielt. Hier wurde ich Zeuge lustiger Szenen, wie mit ein paar Wilmersdorfer Witwen-Tantchen die das Bordrestaurant-Personal mit Migrationshintergrund nervten von wegen „wann denn der Café in der ersten Klasse ausgeschenkt würde, schließlich hatte man deswegen 1. Klasse gebucht“. Worauf diese völlig entnervt empfahl, sich beim Zugchef zu beschweren. Sie sei vom Restaurant und nicht vom Kaffeebringdienst, worauf die Tanten drohten, genau selbiges zu tun „und dann werde man ja sehen“. Tatsächlich lief der Rest der Reise relativ problemlos – bis zu dem Moment, in dem man das Bordrestaurant verlassen musste und den Rest der Reise stehend zum Zielort Frankfurt verbrachte. Es gelang mir sogar mein Ticket mit 110 Minuten Verspätung quittieren zu lassen, die ich aber angesichts der Menschentraube vor den Ticketschaltern in Frankfurt und der Tatsache, dass es auf die 120 Euro Fahrpreis nur 30 Euro Rabatt gibt, doch nicht eingelöst habe. Am Ende obsiegte die Freude, denn hätte es durchaus noch schlimmer kommen können und dass man ja durchaus was erlebt hatte über alle Jammereien. Fröhliche Weihnachten.....
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