| I love Berlin |
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| Geschrieben von Jürgen Laarmann | ||||||||
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»Die spinnen, die Amis«, stellte meine Freundin M. fest, als sie sich nach längerer Fernsehpause ausgiebig am Nachmittag MTV angeguckt hatte. »Ich fühle mich sexual-ethisch total desorientiert. Offenbar ist da programmintern ein Wettbewerb ausgebrochen, in dem es auf möglichst bizarre Art darum geht, seinen Geschlechtspartner zu finden.
Ob durch Rumschnüffeln in Wohnungen, Daten von Müttern oder gleich den
bestehenden Freund durch eine Auswahl der Eltern ersetzen zu lassen,
Lügendetektoren mit voice analysis system beim ersten Date - keine
Ahnung, ob’s im Amiland nicht möglich ist, normal in eine Disco zu
gehen und jemand kennen zu lernen und warum so ein komisches Theater
gemacht wird, dazu supercheapo produziert und offensichtlich gefaked.« »Ui ui ui, MTV belügt uns also?« konterte ich. »Ja, und zum eigenen Schaden«, meinte M., »es wäre eigentlich viel lustiger zu sehen, was nach den ganzen Blind Dates passiert, nachdem die ausgesuchten Kandidaten mit ihren Müttern in den Sonnenuntergang am Strand gerannt sind. Oder wenn mal echt jemand richtig enttäuscht darüber wäre, wen er da im Blindauswahlverfahren ausgesucht hat. Toll wär’s, wenn sich einfach mal jemand erheben und sagen würde: »Hey, ich hab einen Fehler gemacht, Mütter sind mir eigentlich scheißegal, und ich möchte doch lieber die andere Kandidatin, weil ich sie geiler finde und weil Auswahlkriterien ja hier – Fun hin, Fun her – doch ein bisschen sinnlos sind.« Und dann legte M. erst richtig los und entwickelte den Plan, MTV mit ein paar eingedeutschten Konzepten zu beglücken. »Nimm zum Beispiel die Sendung ›I love New York‹, wobei New York eine total durchgedrehte Plastiktittenschlampe ist, eine Art Ami-Bachelorette, die gleich ein ganzes Haus voll Kandidaten vorgesetzt kriegt, die lauter seltsame Prüfungen absolvieren müssen und von denen einer nach dem anderen rausgesiebt wird. So was müsste man mal auf Berlin übertragen und schon wär’s guter Fun.« »›I love Berlin?‹« fragte ich und konnte es mir noch nicht so genau vorstellen. »›I love Berlin‹ oder gleich ›Ick lieb’ Berlin‹ oder ›Berlin, ick liebe Dir‹«. »Wie müsste Berlin dann aussehen?« »Ich glaub, für MTV müsste es Charlie Charlottenburg sein oder Mandy Mitte – ein blondes, durchgeknalltes, leicht nymphomanes Wesen, das möglichst alle anspricht – und die Boys in der Auswahl kann man gleich ebenfalls durch Vertreter aller Stadtteile rekrutieren. Karl Kreuzberg, Frederic Friedrichshain, Wahid Wedding, Jerome Grunewald, Lutz Lichtenberg... und Berlin ist irre kreativ, aber die ganze Zeit pleite, und die Jungs müssen ihr ständig Praktikumsplätze in Filmfirmen besorgen und so«. »Für mich hört sich das fast schon eine Spur zu real an, so was will doch keiner sehen, oder?«. »Daran hab ich auch schon gedacht, deswegen geht ›I love Berlin‹ auch nur zwei Sendungen lang. In der ersten zieht Berlin alle ab, in der zweiten zerstreiten sich alle und es ist Schluss – das ist revolutionär!«
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