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| Geschrieben von Berlin Mitte Boy | ||||||||
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Unser WG-Mitbewohner R. nervt. Ständig ist unser Computer blockiert, denn er widmet sich ständig und mit Hingabe der Freundespflege im Internet.
Wenn er etwas mitzuteilen hat, dann langt nicht nur ein soziales
Netzwerk, sondern verschickt die Messages über Myspace, Facebook,
StudiVZ, Stayfriends, Werkenntwen, Xing, Lokalisten und wegen der
extremen Dringlichkeit seiner Anliegen wahrscheinlich auch über
Twitter, wo er zuweilen sogar sekundengenau mitteilt, in welchem
Netzwerk er sich gerade aufhält. Auf die Frage, ob seine sogenannten
Internet-Freunde es nicht für leicht verhaltensgestört halten, dass er
überall genau den gleichen Kram an sie postet und sie seine Messages in
acht verschiedenen Postfächern finden, sagt er nur, »dann erreich‘ ich
sie wenigstens da, wo sie gerade sind, die anderen Messages können sie
dann ja löschen« und rechtfertigt sich »auch ich bin ja die ganze Zeit
am Löschen von mehrfach geposteten Messages«. Der Frage, ob er sich
nicht auf ein oder zwei Networks beschränken könne, begegnet er mit
einem ausführlichen Referat zu den Vorzügen der einzelnen Networks,
Facebook sei ein Muss, StudiVZ einfach das größte Network, bei Myspace
sei er schon am längsten und habe über 2.000 Freunde, Xing sei für
seine Businesskontakte unerlässlich, Werkenntwen auch, weil man manche
Leute nur darüber erreiche, über Stayfriends hat er ein paar alte
Schulfreunde wieder getroffen, was doch sehr schön sei, die Lokalisten
hingegen nutzt er, weil da »nicht jeder sei«; und twittern mache
einfach Spaß. Unser anderer Mitbewohner R. sieht‘s leicht anders:
»Facebook ist extrem überschätzt und kann dich höchstens deinen
nächsten Job kosten, wenn dein Chef sich bei der Bewerbung deine
Besoffen-auf-Partybilder anguckt. Myspace ist ‘ne klasse Sache, wenn man ungefragt der Freund von wildrumpostenden, Freunde suchenden und überdies noch unwichtigen Partypromotern oder verzweifelten Ami-Grindcorebands werden will und sich ernsthaft freuen kann, dass man 3.000 Freunde hat, von denen man wirklich garantiert keinen kennt und niemals mögen würde, wenn man sie kennen würde. Überhaupt ist das Wort »Freund« noch nie so nivelliert worden wie bei den Social Networks. Frag mich, wann mal einer von denen auf die Idee kommt, die Kategorie »Feinde« einzuführen, das wäre viel spannender. Ach so, gegen StudiVZ ist nichts einzuwenden, anders ist es allerdings, wenn man schon über 30 ist und noch nie ‘ne Uni von innen gesehen hat. Xing zu nutzen zeigt irgendwie, dass man es zu gar nichts gebracht hat, denn sonst würde man ja gute Geschäfte machen, statt im Internet rumzudaddeln. Zu »alte-Klassenkameraden-auf-Stayfriends finden« würde ich eher sagen: Was muss da im Leben schief gelaufen sein, dass einem alle neuen, echten Freunde nicht genügen. Und wenn Wer-kennt-wen ‘ne Disco wäre, dann wäre es das Q-Dorf. Aber dazu noch rumzutwittern ist doch wirklich aufdringlich-peinlich. Und wenn man die gesamte verschwendete Zeit sieht, die du und deinesgleichen im Internet verbringen, schätze ich mal, ist der gesamtwirtschaftliche Schaden größer als die Pleite der Hypo Real Estate oder Opel.« Die Tirade langte allerdings nur für ungefähr eine Viertelstunde, die R. den Rechner räumte, um sich mal ne Pizza vor der »Nachtschicht« zu ordern.
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