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Im Interview: Wladimir Kaminer PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Michael Schneider   
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Im Interview: Wladimir Kaminer
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030_03_faces_kaminer_wladimir_300dpi_8847.jpg»Es gibt keine Krise!«

In seinem neuen Buch »Es gab keinen Sex im Sozialismus« stellt Wladimir Kaminer die größten Irrtümer über seine frühere Heimat, die ehemalige Sowjetunion, richtig. Mit uns sprach der deutsch-russische Wahlberliner über die Finanzkrise und philosophierte über die zwei besten Gesellschaftssysteme: Den »faulen Kapitalismus« und den »gierigen Sozialismus«.

Herr Kaminer, viele Ihrer Geschichten erzählen davon, wie sich die Menschen in der von Krisen gebeutelten ehemaligen Sowjetunion mit einem Augenzwinkern durchs Leben schlagen. Können die Deutschen in Sachen Gelassenheit etwas von den Russen lernen?

Ich glaube schon. Die Russen hatten 1991, 1993, 1998 und 2001 wirtschaftliche und politische Krisen. Jeder reiche Russe hat schon mal die Erfahrung gemacht, auf einen Schlag alles zu verlieren, was er besitzt. Ein Kollege von mir wurde drei Mal bei dem Versuch ausgeraubt, sein gesamtes Barvermögen – zwei große Sporttaschen voll Geld - auf die Bank zu bringen. Das hat ihm trotzdem nicht die Laune verdorben.

In Deutschland herrscht momentan nicht gerade gute Laune. Jeder spricht von der Krise.

Das Gerede von der Krise ist genauso blödsinnig wie der Medienrummel, der um den Rinderwahn oder die Vogelgrippe gemacht wurde. Die Medien suggerieren uns, Deutschland stecke in einer Krise - und plötzlich werden alle panisch. Das ist Blödsinn. Wenn überhaupt, dann steckt der Kapitalismus in der Krise.
Ich glaube, alle Menschen, die das Wort Solidarität kennen und sich in Gemeinschaften organisieren, brauchen sich keine Sorgen machen.

Der Opel-Arbeiter, der momentan um seinen Job bangt, sieht das sicher anders.

Die Leute bei Opel sind nicht die Opfer einer Krise, sondern Opfer der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Wo liegt Ihrer Meinung nach das Problem unseres Systems?

Statt sich einmal die Frage zu stellen, was der Mensch wirklich braucht, wird in unserer und vor allem der amerikanischen Gesellschaft versucht, um jeden Preis noch mehr Geld zu scheffeln. Die Menschen werden zu Marionetten ihres Reichtums und ihrer gesellschaftlichen Stellung.

Mit dem Sozialismus in der ehemaligen Sowjetunion gehen sie nicht so hart in Gericht. Ihre Geschichten haben meistens einen sehr heiteren Ton.

Diese Zeit wurde 50 Jahre lang dämonisiert. Im Westen wurde so getan, als lebten in Russland nur Wilde, die halbnackt durch den Schnee stapfen. Dabei war die Gesellschaft der Sowjetunion der deutschen sehr ähnlich: Es gab viele Menschen, die vom System nicht begeistert waren. Und es gab Menschen, die sich wohl fühlten. Das ist im Kapitalismus doch genauso.

In welcher Gesellschaft würden Sie denn gerne leben?

Ich bin ein pragmatischer Mensch. Ich würde jene Aspekte der beiden Systeme verbinden, die den Menschen das Leben erleichtern. Die Nachteile würde ich abschaffen, vor allem die ganzen Ideologien, die niemand wirklich braucht.

Das heißt?

Der Kapitalismus fördert Gier. Im Sozialismus hingegen wird die Faulheit gefördert. Beides ist falsch. Sowohl Gier als auch Faulheit zerstört eine Gesellschaft auf Dauer. Wir sollten also entweder einen faulen Kapitalismus oder einen gierigen Sozialismus anstreben.

Dieses Jahr feiert Deutschland das 20-jährige Jubiläum des Mauerfalls. Sie selbst kamen kurz nach ‘89 als sogenannter »Kontingent-Flüchtling« nach Deutschland. Welche Erinnerungen haben Sie an die Wende?

Das zweite Halbjahr 1990 - die Zeit zwischen Währungsunion und Wiedervereinigung - war eine großartige Zeit. Die Menschen in Ostberlin lebten gleichzeitig im Sozialismus und im Kapitalismus. Sie genossen die Vorzüge beider Systeme, ohne ihre Nachteile zu spüren. Sie zahlten 16,50 Mark Miete, die Kaufhallen waren voll mit Bananen, man konnte auf Honecker und die Kommunisten schimpfen und die Polizei hatte Angst vor den Punks.

Wladimir Kaminers neues Buch ist im GoldmannVerlag erschienen und kostet 8,95 Euro.


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