|
Im Interview: Wladimir Kaminer |
|
|
|
|
Geschrieben von Michael Schneider
|
|
Seite 1 von 2 »Es gibt keine Krise!«In seinem neuen Buch »Es gab keinen Sex im Sozialismus« stellt Wladimir Kaminer die größten Irrtümer über seine frühere Heimat, die ehemalige Sowjetunion, richtig. Mit uns sprach der deutsch-russische Wahlberliner über die Finanzkrise und philosophierte über die zwei besten Gesellschaftssysteme: Den »faulen Kapitalismus« und den »gierigen Sozialismus«.
Herr Kaminer, viele Ihrer Geschichten erzählen davon, wie sich die
Menschen in der von Krisen gebeutelten ehemaligen Sowjetunion mit einem
Augenzwinkern durchs Leben schlagen. Können die Deutschen in Sachen
Gelassenheit etwas von den Russen lernen?
Ich glaube schon. Die Russen hatten 1991, 1993, 1998 und 2001
wirtschaftliche und politische Krisen. Jeder reiche Russe hat schon mal
die Erfahrung gemacht, auf einen Schlag alles zu verlieren, was er
besitzt. Ein Kollege von mir wurde drei Mal bei dem Versuch ausgeraubt,
sein gesamtes Barvermögen – zwei große Sporttaschen voll Geld - auf die
Bank zu bringen. Das hat ihm trotzdem nicht die Laune verdorben.
In Deutschland herrscht momentan nicht gerade gute Laune. Jeder spricht von der Krise.
Das Gerede von der Krise ist genauso blödsinnig wie der Medienrummel,
der um den Rinderwahn oder die Vogelgrippe gemacht wurde. Die Medien
suggerieren uns, Deutschland stecke in einer Krise - und plötzlich
werden alle panisch. Das ist Blödsinn. Wenn überhaupt, dann steckt der
Kapitalismus in der Krise.
Ich glaube, alle Menschen, die das Wort Solidarität kennen und sich in
Gemeinschaften organisieren, brauchen sich keine Sorgen machen.
Der Opel-Arbeiter, der momentan um seinen Job bangt, sieht das sicher anders.
Die Leute bei Opel sind nicht die Opfer einer Krise, sondern Opfer der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.
Wo liegt Ihrer Meinung nach das Problem unseres Systems?
Statt sich einmal die Frage zu stellen, was der Mensch wirklich
braucht, wird in unserer und vor allem der amerikanischen Gesellschaft
versucht, um jeden Preis noch mehr Geld zu scheffeln. Die Menschen
werden zu Marionetten ihres Reichtums und ihrer gesellschaftlichen
Stellung.
Mit dem Sozialismus in der ehemaligen Sowjetunion gehen sie nicht so
hart in Gericht. Ihre Geschichten haben meistens einen sehr heiteren
Ton.
Diese Zeit wurde 50 Jahre lang dämonisiert. Im Westen wurde so getan,
als lebten in Russland nur Wilde, die halbnackt durch den Schnee
stapfen. Dabei war die Gesellschaft der Sowjetunion der deutschen sehr
ähnlich: Es gab viele Menschen, die vom System nicht begeistert waren.
Und es gab Menschen, die sich wohl fühlten. Das ist im Kapitalismus
doch genauso.
In welcher Gesellschaft würden Sie denn gerne leben?
Ich bin ein pragmatischer Mensch. Ich würde jene Aspekte der beiden
Systeme verbinden, die den Menschen das Leben erleichtern. Die
Nachteile würde ich abschaffen, vor allem die ganzen Ideologien, die
niemand wirklich braucht.
Das heißt?
Der Kapitalismus fördert Gier. Im Sozialismus hingegen wird die
Faulheit gefördert. Beides ist falsch. Sowohl Gier als auch Faulheit
zerstört eine Gesellschaft auf Dauer. Wir sollten also entweder einen
faulen Kapitalismus oder einen gierigen Sozialismus anstreben.
Dieses Jahr feiert Deutschland das 20-jährige Jubiläum des Mauerfalls.
Sie selbst kamen kurz nach ‘89 als sogenannter »Kontingent-Flüchtling«
nach Deutschland. Welche Erinnerungen haben Sie an die Wende?
Das zweite Halbjahr 1990 - die Zeit zwischen Währungsunion und
Wiedervereinigung - war eine großartige Zeit. Die Menschen in Ostberlin
lebten gleichzeitig im Sozialismus und im Kapitalismus. Sie genossen
die Vorzüge beider Systeme, ohne ihre Nachteile zu spüren. Sie zahlten
16,50 Mark Miete, die Kaufhallen waren voll mit Bananen, man konnte auf
Honecker und die Kommunisten schimpfen und die Polizei hatte Angst vor
den Punks.
Wladimir Kaminers neues Buch ist im GoldmannVerlag erschienen und kostet 8,95 Euro.
Mehr über Wladimir Kaminer ... bitte umblättern
|
Piraterie löst alle Probleme
Vielleicht sollte man dazu die alten Stadtmauern wieder errichten und an den ...
Puls
Hallo Otoman, du hast recht. Das Video "Nichts zu verlieren" hat um d...
Puls
auf youtube sind doch gar keine 300.000 klicks sondern ein bisschen über 73.0...
Yo! Remember the 90s!
Das geht da ab! **youtube.com/watch?v=RA1dbxjcB44