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Frank Isenthal im Interview PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Tommy Kempert   

030_03_faces_frank_isenthal_1.jpg»Bei Erfolg nicht freidrehen, bei Misserfolg nicht durchdrehen«

Der heutige Soda-Betreiber Frank Isenthal leitete den wohl bekanntesten Club der ehemaligen DDR, den Franzclub. Mit uns sprach er über Stasi-Beamte bei Lesungen, seine Zeit als Drehbuch-Leser für Oliver Stone und erklärte, warum er wegen »Pulp Fiction« seinen Job verlor.



Bei der Recherche für dieses Interview tauchten in Verbindung mit deinem Namen immer wieder zwei Begriffe auf: Franzclub und Oliver Stone.
Frank Isenthal: Der Reihe nach. In den Franzclub wurde ich sozusagen »strafversetzt«. Nach meiner Ausbildung zum Elektriker bewarb ich mich als Leiter im »Duncker Club« (damals noch ein Jugendclub mit Partys und Konzerten im Programm, Anm. d. Red.). Bald danach fand ich mich als Verantwortlicher im Knaack Club wieder, aus dem ich einen Pop-Club machen sollte. Bis dato war das ein Heavy-Metal-Laden. Ein hartes Brot. Was tat ich? Ich organisierte eine schwul-lesbische Veranstaltung, und ehe ich mich versah, waren die Rocker-Jungs über alle Berge. Die Zeit im Knaack war allerdings auch bald vorbei.

Warum?
Im Osten war die Clubszene vor allem für die Stasi sehr interessant. Als ich eine Lesungs-Reihe im Knaack veranstaltete, an deren Abschluss der Systemkritiker Stefan Heym auftrat, saßen jede Menge Stasi-Beamte im Publikum. Von 100 Gästen arbeiteten 80 für die Staatssicherheit. Immerhin hatten sie Eintritt gezahlt. Die Stadtbezirksrätin von Prenzlauer Berg hat dann entschieden, dass ich fortan im Franzclub zusammen mit zwei weiteren Mitarbeitern die Leitung übernehmen soll. Man wollte, dass ich nicht mehr allein über das Programm entscheiden kann. Die Stasi wollte das.

Konntest du dich mit dieser Strafversetzung abfinden?
Nein. Ich blieb nur etwas über ein Jahr beim Franzclub. Die Zeit als Clubchef war für mich einfach nur eine wirklich »coole« Zeit, die unheimlich viel Spaß gemacht hat. Ich wollte jedoch eigentlich zum Film und begann dann, Theater- und Kulturwissenschaften an der HU zu studieren. Zwei Jahre lang. Dann fiel die Mauer und ich ging nach Amerika zum Studieren.

Wo hast du den Mauerfall erlebt?
Direkt an der Bornholmer Brücke. Mit Freunden feierten wir eine Ausreiseparty für ein befreundetes Paar, das über Prag »rübermachen« wollte. Die hatten sich schon auf den Weg gemacht, als die Grenzen plötzlich offen waren. Während das Pärchen noch unterwegs war, sprangen wir einfach über die Mauer. Das war schon eine skurrile Situation.

Skurril ist auch, dass du als Ex-Chef vom Franzclub nur kurz nach dem Mauerfall für Oliver Stone gearbeitet hast.
Irgendwie schon. Ich bin wie gesagt zum Studieren in die USA gegangen. Nach L. A.; dort hab ich auf einer Party tatsächlich Oliver Stone kennen gelernt und schon bald habe ich für ihn Drehbücher gelesen. Dafür gab es dann 100 Dollar pro Buch. Später dann habe ich auch für Paramount gearbeitet und mich bei Columbia Tristar beworben. Für die sollte ich zwei Bücher analysieren. Einen Thriller und einen wirklich merkwürdigen Film. Ich lehnte dann den Thriller ab und habe den anderen empfohlen. Ich wurde daraufhin abgelehnt und der Thriller kam ein Jahr später raus.

Was ist aus dem Drehbuch geworden, das du empfohlen hast?
Das wurde dann auch bald verfilmt. Der Film heißt »Pulp Fiction«.

Ernsthaft? Du hast einen Job nicht bekommen, weil du das Buch zu »Pulp Fiction« empfohlen hast?
Ja, so war es. Es war ein wirklich außergewöhnliches Buch. Die verschiedenen Episoden, die Zeitsprünge. Ich fand das unglaublich interessant. Nach über hundert Drehbüchern, die ich gelesen habe, wollte ich aber wieder zurück nach Deutschland. Der Grund war, wie könnte es anders sein: Eine Frau.

Ich nehme an, die Beziehung hat nicht lang gehalten…
Drei Wochen.

Ärgerlich.
Das könnte man sagen (lacht).

Hast du in Deutschland weiter an Drehbüchern gearbeitet?
Ja, ich habe ein Büro eröffnet und Drehbücher von deutschen Autoren analysiert. Die habe ich anschließend amerikanischen Produzenten, die ich kennen gelernt hatte, vorgestellt. Mit 27 Jahren habe ich mir dann gedacht: Das kann ich auch. Ich fing an, selber zu schreiben.

Mit Erfolg?
Zweifelhafter Erfolg. Mein Partner und ich hatten ein Drehbuch geschrieben, das uns für viel Geld abgekauft wurde. Nicht, um es zu verfilmen, sondern um es vom Markt zu nehmen. Es wurde nämlich zeitgleich an einem Film mit Til Schweiger gearbeitet, »Knocking on Heaven’s Door«. Unser Buch war der Story zu ähnlich und so verschwand es im Giftschrank.

Hast du danach weitergemacht?
Ja. Mein Partner und ich haben dann für ProSieben die »Feuerwehr« gespielt. »Feuerwehr« nannte man Autoren, die innerhalb von wenigen Tagen ein Drehbuch so umgeschrieben und bearbeitet haben, dass es schon bald darauf gedreht werden konnte. Drei Tage – das bedeutete eine große Tasse Kaffee und wenig Schlaf.

Und viel Geld.
Das auch. Für drei Tage Arbeit war das wirklich ein guter Lohn.

Eine Frage drängt sich auf: Wie kommt man mit dieser Lebensgeschichte zurück ins Club-Geschäft?
Eine gute Frage. Ich hätte jeden für verrückt erklärt, der mir prophezeit hätte, ich würde irgendwann mal wieder einen Club betreiben. Dann auch noch hier, in der Kulturbrauerei. Am selben Ort wie damals, nur im vereinten Berlin.

Dein Partner, der Schauspieler Zsolt Bács, und du haben zusammen den Soda-Club eröffnet.
Wir hatten die Räumlichkeiten gesehen und waren begeistert. Ich hab dann ein Fax an den Vermieter geschickt, in dem ich schrieb, ich hätte mehrere Investoren und wolle gerne einen großen Club mitten in der Kulturbrauerei aufmachen. Zwei Wochen später hatte ich einen Mietvertrag, aber keine Investoren. Die mussten wir dann schleunigst suchen.

Was hat dich fasziniert am Club-Business?
Ich wollte einfach meine Ideen umsetzen. Wie damals im Knaack oder beim Drehbuchschreiben. Es gibt viele Clubbetreiber, die im Geschäft sind, um zu sagen: »Hey Baby, das hier ist meine Bar, an der du lehnst….« Darauf kam es mir nie an. Ich sehe dahinter auch eine kaufmännische Herausforderung. Für mich gilt bis heute »Bei Erfolg nicht freidrehen, bei Misserfolg nicht durchdrehen«. Damit bin ich bisher ganz gut gefahren.

Zum Beispiel, als die Kulturbrauerei pleite ging?
Das war ja nie der Fall. Lediglich der Verein, der den Namen »Kulturbrauerei« an den Vermieter verkauft hatte, ist insolvent gegangen. Das Soda hat es aber tatsächlich getroffen. Wir waren pleite. Der Laden war immer voll, nur die Mieten waren viel zu hoch. Nachdem immer mehr Mieter nicht in der Lage waren, die hohen Kosten zu stemmen, sanken die Mieten.

Wie habt ihr das Soda gerettet?
Der Club 23 hat das Soda gekauft und ich konnte es weiter betreiben. Wir mussten uns allerdings etwas einfallen lassen, um den Leuten zu zeigen, dass hier in der Kulturbrauerei trotz aller finanziellen Probleme keine Totengräberstimmung ausgebrochen ist. Das haben wir mit den Classic Open Air-Veranstaltungen sehr gut hinbekommen.

Die wahrscheinlich einzige Veranstaltung in Berlin, zu der Großeltern mit ihren Enkeln gemeinsam gehen und die Enkel im Anschluss feiern gehen können, ohne den Ort zu verlassen…
Das ist in der Tat eine günstige Konstellation. Der Zuspruch ist gewaltig. Inzwischen arbeiten wir sogar mit den Berliner Symphonikern zusammen.

In der Clubszene kann man fast nur noch mit Elektro punkten. Wie reagiert ihr?
Im Soda wird es auch in Zukunft Black Music geben. Wir haben mehrere Floors, auf denen außerdem House oder Elektro läuft. Wir sehen diesen Trend, wollen deswegen aber nicht auf unsere Tradition verzichten. Auch rocklastigere Musik wird in Zukunft eine größere Rolle spielen.

Apropos Zukunft – wie lang wirst du noch im Club-Business bleiben?
Ich denke, dass man irgendwann aufhören muss. So lang wie Rolf Eden möchte ich das keinesfalls machen. Aber noch ist es nicht soweit. Danach werde ich definitiv wieder mit Drehbüchern und Film zu tun haben. Ich schreibe schon fleißig mit. Die Geschichten, die man nachts am Tresen zu hören bekommt, sind sensationell.

Vielen Dank.



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