»Ich beschäftige mich nicht mit Meisterschaften oder Denkmälern«
Als Lucien Favre im Sommer 2007 als neuer Trainer von Hertha BSC verpflichtet wurde, war der Schweizer selbst unter Experten weitgehend unbekannt. Zwar führte er den FC Zürich zweimal zur Schweizer Meisterschaft, den Durchbruch in der Bundesliga traute ihm jedoch kaum einer zu. Nach nicht einmal zwei Jahren steht Hertha BSC an der Spitze der Bundesliga und spielt erstmals ernsthaft um den Titel mit.
Herr Favré, als Spieler galten Sie als brillanter Techniker, als
Spielmacher. Wie viel Ironie steckt in der Tatsache, dass gerade Sie
eine Mannschaft geformt haben, die ganz ohne diese Gattung Spieler
auskommt?
Lucien Favre: Das sehe ich nicht so. Wir haben in unserer Mannschaft
ebenfalls Spieler, die das Spiel machen können und über eine sehr gute
Technik verfügen. Den klassischen Spielmacher mit der Nummer zehn auf
dem Trikot gibt es im modernen Fußball nur noch selten. Heutzutage sind
beispielsweise auch die Defensivspieler für den Spielaufbau zuständig.
Der Fußball hat sich dahingehend sehr verändert.
Als Sie nach Berlin kamen, kannte Sie kaum jemand hier in Deutschland.
Inzwischen loben Sie die Experten für Ihr taktisches Know-how und der
Erfolg spricht für Sie. Empfinden Sie Genugtuung?
Es geht nicht um Genugtuung, sondern darum, dass eine Mannschaft
erfolgreich Fußball spielt. Es ist doch völlig normal, wenn ein Trainer
aus der Schweiz kommt, dass er nicht allen Experten sofort ein Begriff
ist. Ich bin froh, dass ich die Chance bekommen habe, in der Bundesliga
zu arbeiten.
Während in anderen Bundesligaklubs der Trainerstuhl schon nach wenigen
Niederlagen wackelt, hat man Ihnen in Berlin von Beginn an Zeit und
Geduld versprochen. Ein Luxus im Trainergeschäft?
Wir haben zu Beginn meiner Tätigkeit gesagt, dass wir Zeit brauchen,
weil wir im ersten Jahr einen Umbruch der Mannschaft vollziehen müssen.
Das hat die Öffentlichkeit akzeptiert. Dennoch konnten wir uns über die
Fairness-Wertung für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren.
Ich denke, dass wir mit der Entwicklung der Mannschaft sehr zufrieden
sein können.
Joe Simunic, einer der Spieler, der unter Ihnen zu Höchstform auflief,
spricht offen von der Meisterschaft. Haben Sie Sorge, die Euphorie
könnte all die harte Arbeit zunichte machen?
Wichtig ist, dass ich als Trainer realistisch bleibe und die Mannschaft
auf ihre anstehenden Aufgaben vorbereite. Nach dem Spiel gegen
Stuttgart haben wir festgestellt, dass wir immer am Limit spielen
müssen, um erfolgreich zu sein. Das ist uns in Stuttgart nicht
gelungen.
Der Berliner hat hohe Erwartungen. Was halten Sie von folgender
Vorstellung: Hertha BSC wird Meister, die Mannschaft und die ganze
Stadt feiert am Roten Rathaus und Ihnen zu Ehren wird ein Denkmal
errichtet.
Wie ich bereits gesagt habe, muss ich als Trainer realistisch bleiben.
Ich beschäftige mich nicht mit Meisterschaften oder Denkmälern. Ich
beschäftige mich nur mit unserem nächsten Gegner Borussia Dortmund, und
diese Aufgabe ist schwierig genug.
Sie selbst weigern sich, Hertha BSC als Spitzenteam zu bezeichnen. Wer
wird Ihrer Meinung nach Deutscher Meister?
Ich hatte in der Hinrunde gesagt, dass ich es Hoffenheim zutraue, ganz
oben mitzuspielen, aber das war vor der Verletzung von Ibisevic.
Momentan gibt es vier Mannschaften, die punktemäßig sehr eng
beieinander liegen. Bayern München besitzt sicherlich die erfahrenste
Mannschaft, aber Hamburg und Wolfsburg sind nicht zu unterschätzen.
An der TSG 1899 Hoffenheim zeigt sich der Trend, dass Geld eine immer
größere Rolle für den Erfolg spielt. Wann wird sich ein finanzkräftiger
Mäzen, Ihrer Meinung nach, für Hertha BSC interessieren?
Ich bin der Meinung, dass Hertha BSC für jeden Investor interessant
ist. Der Verein wird sehr professionell geführt, die Entwicklung der
Mannschaft geht in die richtige Richtung und Berlin als deutsche
Hauptstadt ist ein sehr guter Standort.
Wenn Sie die Wahl hätten, welches Team würden sie zum Abschluss Ihrer
Trainerkarriere gern einmal betreuen?
Ich hoffe, dass ich noch so lange wie möglich in Berlin arbeiten kann.
Was zum Abschluss meiner Trainerkarriere sein wird, darüber habe ich
mir noch keine Gedanken gemacht.
Könnten Sie sich vorstellen, auch nach Ihrer Karriere in Berlin zu
bleiben? Wenn ja, warum?
Auch darüber habe ich noch nicht nachgedacht.
Berlin hat eines der wohl vielfältigsten Kulturangebote Europas. Wenn
Sie einmal nicht auf oder neben dem Platz stehen: Nehmen Sie am
kulturellen Leben der Stadt teil?
Leider viel zu wenig, weil ich dafür keine Zeit habe. Aber meine Frau
kennt Berlin schon sehr gut und sie erzählt mir immer einiges über die
Stadt.
Herr Favre, wussten Sie, dass Sie unter anderem durch ihren
sympathischen Akzent vor allem bei Frauen sehr beliebt sind?
Nein, das wusste ich nicht, aber schön, wenn es so ist.
Eine letzte Frage: Wo steht Hertha BSC in einem Jahr?
Mein Ziel ist es, eine Mannschaft aufzubauen, die ab Mai 2010
regelmäßig im vorderen Drittel der Tabelle platziert ist.
Vielen Dank.
Das ist Lucien Favre
Lucien Favre spielte in seiner
Karriere als aktiver Fußballer insgesamt 24 Mal für die Schweizer
Nationalmannschaft. Seine erfolgversprechende Laufbahn nahm am
13.09.1985 ein jähes Ende. Bei der Begegnung zwischen Servette Genf und
Vevey-Sports foulte ihn Veveys Libero Pierre-Albert Chapuisat (Vater
von Stephane Chapuisat, früher Borussia Dortmund) derart brutal, dass
Favre sich mehrere Knochenbrüche und Bänderrisse zuzog. Er beendete
daraufhin seine Karriere. Ein anschließender Prozess endete mit einer
Geldstrafe für Chapuisat wegen fahrlässiger Körperverletzung. Nach
einem weniger erfolgreichen Comeback beendete Favre 1991 endgültig
seine Spielerkarriere.
Als Trainer gelang ihm 1994 mit dem
FC Echallens überraschend der Aufstieg in die zweite Schweizer Liga. Er
wechselte daraufhin zu Yverdon-Sports, mit denen er sensationell den 5.
Platz in der höchsten Schweizer Spielklasse belegte. Mit Servette Genf
gewann er 2001 den Schweizer Pokal und erreichte das
UEFA-Cup-Achtelfinale. Mit dem FC Zürich wurde er Cupsieger und zweimal
Schweizer Meister. In dieser Zeit wurde Lucien Favre zweimal zum
Schweizer Trainer des Jahres gewählt. Seit Juni 2007 trainiert er
Hertha BSC.
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Piraterie löst alle Probleme
Vielleicht sollte man dazu die alten Stadtmauern wieder errichten und an den ...
Puls
Hallo Otoman, du hast recht. Das Video "Nichts zu verlieren" hat um d...
Puls
auf youtube sind doch gar keine 300.000 klicks sondern ein bisschen über 73.0...
Yo! Remember the 90s!
Das geht da ab! **youtube.com/watch?v=RA1dbxjcB44