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Geschrieben von Michael Schneider   

030_05_rammstein_c_paul_brown_1.jpg»Meine Motivation war der Sex«

Mit dem Video zu ihrer neuen Single »Pussy« sorgten Rammstein kürzlich für Furore. Der Clip  in allerbester Pornomanier provoziert in für Rammstein beinahe symptomatischer Art und Weise. Rammstein-Keyboarder Christian »Flake« Lorenz über Sex, Schlagzeilen und stumpfen Rock.


Herr Lorenz, herzlichen Glückwunsch zum ersten Rammstein-Song, der direkt auf Platz 1 der Single-Charts geschossen ist. Freuen Sie sich darüber?
Christian Lorenz: Eigentlich müsste ich so cool sein und sagen, mir ist es egal. Aber ich freue mich wirklich. Wenn man auf Platz 1 ist, gibt es nichts mehr zu deuteln. Das sind die Verkaufszahlen, das ist einfach ein Fakt. Wer uns in der Presse totschweigen will, kann das gerne tun. Aber unser Name steht trotzdem ganz oben - neben der Eins.

Hatten Sie wirklich das Gefühl, dass Rammstein totgeschwiegen werden?
Von manchen Medien schon. In der Öffentlichkeit finden wir faktisch nicht statt. Ist »Pussy« trotz oder wegen des dazugehörigen Videos so erfolgreich? Ohne das Video hätte es wahrscheinlich nicht geklappt mit dem ersten Platz. So realistisch bin ich schon.

Also war es eine marktstrategische Entscheidung, ein pornografisches Video zum Song zu drehen?
Die grundsätzliche Idee dazu gibt es schon länger. Vor acht Jahren schon wollten wir so ein Video drehen: Wir gehen in einen Puff, haben kein Geld dabei und müssen für unser Geld arbeiten. Jetzt haben wir es endlich gemacht. Wir dürfen so etwas. Tokio Hotel würde man ein Sex-Video nicht abnehmen. Aber bei uns wirkt es glaubwürdig. Unsere Interessen passten in diesem Fall also wunderbar zum öffentlichkeitswirksamen Gag.

Rammstein sind in ihrer Karriere regelmäßig als Tabubrecher in die Schlagzeilen geraten. Ist ein Porno-Video die nächste notwendige Stufe der Provokation?
Provokation? Rockmusik steht doch geradezu zwingend im Zusammenhang mit Sex.

Warum?
Es gehört einfach zusammen. Deshalb macht man doch gerade Musik.

Man macht Musik, um an Sex zu kommen?
Schon vor Tausenden von Jahren haben Männer gesungen und getanzt – als Balzritual.

Sie sind Musiker geworden, um Frauen zu beeindrucken?
Sex spielt bei jedem Jugendlichen eine Rolle. Ich könnte auch erzählen, ich hätte tief in mir Melodien gehört. Aber die Grundmotivation, in einer Band zu spielen, war Sex.

Ist die Strategie aufgegangen?
In einem gewissen Rahmen, ja.

Was heißt das?
Darauf will ich nicht näher eingehen.

Welche Reaktionen gab es bisher auf das Video zu »Pussy«?
Die meisten Leute freuen sich einfach darüber, dass eine Band so etwas mal gemacht hat. Ich kenne keinen Fan, der das Video geschmacklos findet.

Überrascht es Sie dann, wenn die Bild Zeitung »Skandal-Video« titelt?
Das erwarte ich von der Bild-Zeitung. Ich wäre bitter enttäuscht, wenn es nicht so wäre. Wer sonst, wenn nicht die Bild? Unsere Aufgabe ist es, ein Porno-Video zu machen. Die Aufgabe der Bild-Zeitung ist es, »Skandal« zu schreien.

Wir haben uns gefragt, worum es in dem Song geht. Können Sie uns weiterhelfen?

Als der Song entstand, haben wir an unsere nächste Tour gedacht und fanden es cool, einen Text zu machen, der in jedem Land verstanden wird. Deshalb haben wir eine Liste mit den deutschen Wörtern gemacht, die international am bekanntesten sind. Ganz oben auf der Liste stand natürlich Hitler, aber das haben wir gestrichen. Aus den übrigen Wörtern haben wir einen Text geschrieben, bei dem es darum geht, ins Ausland zu fahren. Deutsche, die ins Ausland fahren, werden ja auch oft mit diesen Wörtern begrüßt.

Wir dachten eigentlich, »Pussy« handle vom Ficken. Oder irren wir uns?

Man könnte behaupten, der Text sei aus der Sicht eines Sextouristen geschrieben. Der spricht ja auch nie die Landessprache, sondern verständigt sich meistens auf primitivste Art und Weise. »Ficki, Ficki« und so...

Rammstein wurden vor 15 Jahren gegründet. Ihr neues Album »Liebe ist für alle da« hat vier Jahre auf sich warten lassen. Wird es schwieriger, ein neues Rammstein-Album zu machen, je länger es die Band gibt?
Nein. Die Musik geht uns leicht von der Hand, wenn wir zusammen im Übungsraum sind. Es geht nur darum, den neuen Ideen den richtigen Rammstein-Dreh zu verpassen.

Was ist der Rammstein-Dreh?
Damit meine ich die absolute Vereinfachung des Inhalts und der Musik. Oft habe ich eine Idee für ein schönes Lied – aber es klingt nicht nach Rammstein. Dann sagt die Band: »Nein. Wir brauchen eine Rammstein-Version!« - und dreht den Song durch die Rammstein-Mühle.

Sie haben festgelegte musikalische Gesetze.
Das ist richtig. Punktierte Rhythmen, wo Jazz-Musiker üblicherweise das Knie hoch ziehen, sind bei uns verboten. Wenn ein Rammstein-Mitglied einen solchen Rhythmus spielt, sagt man bei uns, »da ist ein Knie drin«. Geht nicht.

Die Takte müssen gerade sein.
Unbedingt. Etwas mitzufühlen, am besten noch den Mundwinkel zu verziehen, ist verboten. Früher gab es in Berlin ein Radio-Werbung für einen Elektronik-Markt: »Tiiiee-lo Stöhr/Bieee-tet mehr!« Diese Rhythmik – dieee-dup-dip – ist auch verboten. Dann heißt es: »Da is' n Tilo-Stöhr drin.« Es gibt viele Dinge, die wir ganz bewusst vermeiden.

Gelten solche Gesetze auch für andere Bereiche?
Auch für unsere Zusammenarbeit gibt es Regeln, die von Anfang an klar waren und bis heute gelten.

Welche?
Die wichtigste Regel ist, dass jedes Bandmitglied das gleiche Geld bekommt. Achtzig Prozent der Bands sind irgendwann daran zugrunde gegangen, dass nicht alle gleich gut verdient haben.

Gab es in den letzten 15 Jahre Durststrecken?
Es gab sehr lange Tourneen, bei denen ich mir oft gewünscht habe, dass sie endlich zu Ende gehen. Das waren Belastungsproben, denn man reproduziert monatelang jeden Abend stumpf das Gleiche und hat kaum Zeit, im Zusammenspiel neue Ideen zu entwickeln. Und gerade der Punkt, wenn es etwas Neues entsteht, macht mir am meisten Spaß.

Rammstein sind auch in den USA bekannt. Wollen Sie mit der neuen Platte Ihre Position auf dem amerikanischen Markt verbessern? Immerhin singen Sie in »Pussy« sogar Englisch.

Englische Texte nützen in den USA nicht viel. Die Amerikaner wollen schon das Deutsche hören. Wir werden unser Glück in Amerika versuchen. Wir fahren stumpf hin und spielen da. Man wird sehen. Entweder funktioniert es oder nicht. Ich kann ohne die USA leben und die USA kann ohne mich leben – und zwar gut.

Wie erklären Sie sich den Erfolg von Rammstein in den USA?

Wir verfügen über eine gewisse Stumpfheit, die uns Sachen machen lässt, die andere Bands ablehnen würden. Meiner Meinung nach hätte jede deutsche Band den gleichen Erfolg in den USA, wenn sie dort so lange touren würde, wie wir es getan haben. Wir sind monatelang mit US-Bands wie Limp Bizkit und Korn durch die gesamte USA gefahren und haben in jedem kleinen Nest gespielt. Wenn eine deutsche Band in ein kleines Dorf irgendwo in Montana kommt, bleibt das bei denen Leuten hängen. So haben wir uns einen Fanstamm erspielt, ohne vorher in den US-Charts gewesen zu sein. Das war einfach eine Fleißarbeit.

Gibt es Dinge, die Sie von den amerikanischen Kollegen gelernt haben?
Die amerikanischen Bands ergreifen ihre Chance. Wenn die heiß sind, spielen die so lange durch, bis sie fast sterben. Die Amerikaner arbeiten härter als deutsche Musiker.

Neue Single »Pussy« (Universal)
Neues Album »Liebe Ist Für Alle Da«
(Universal)



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