| Urlaub in Weißensee |
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| Geschrieben von Jürgen Laarmann | ||||||||
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... heißt diese Kolumne, die zuerst „Mit dem Süßen Mädchen vorm Nazipuff“ heißen sollte. Dazu wie folgt: „Das Süße Mädchenkombinat“ ist eine Mädchenband, deren Sängerin in Weißensee wohnt. Und die habe ich kürzlich am Wochenende besucht.
Und da man als Mitte Boy in Berlin-Mitte da lebt, wo andere Urlaub
machen und man sich eigentlich aus dem Center of the Universe niemals
fortbewegen muss, ich auch höchst ungern reise, ist für mich eine
Straßenbahnfahrt in die Randbezirke so etwa wie ein Urlaub. Ich wollte
mal sehen, wie es da ist, in Weißensee. Ich war da ehrlich gesagt zuvor
genau drei Mal im meinem Leben – nachts, als in den 90ies die Mayday in
der Halle Weißensee stattfand, und malte mir aus, wie es sein würde im
North Prenzelberg. Rougher Future-Trendstadtteil fürs
Post-Kollwitzplatz-Zeitalter, Ost-Diaspora oder gar „Little“ Bukarest?
Mir wäre alles recht gewesen. Ich war neugierig, schließlich möchte man im Urlaub ja auch Land und Leute kennen lernen. Und so war ich fast schon erfreut, als in die Straßenbahn drei Skinheadfreundinnen, auch Renées genannt, mit ihren kurzgeschorenen Haaren und stehengelassenen Strähnen, da wo bei Männern die Koteletten sind, entdeckte, und das schon kurz hinter der Greifswalder Straße. Auf den ersten Blick sah‘s in Weißensee aus wie in jedem anderen Stadtteil. Soll heißen, auch am Antonplatz ist ein Schlecker-Markt, wo die Dose Red Bull Sugar Free nur 1,19 statt wie in Mitte 1,49 kostet. Der ortsansässige Asiashop war extrem unasiatisch und hätte auch ein deutsches Obstgeschäft sein können. „Kim-Chi führen wir hier nicht“, und in meinem Hirn regte sich der Verdacht, dass es so womöglich in denen in der Fascho-Propaganda „national befreiten Zonen“ zugehen muss, von denen man immer in der Zeitung liest. Als blöder Mittebürger denkt man sich so etwas, wahrscheinlich habt ihr, liebe Weißenseer, nur recht geringe Nachfrage nach zu scharfem koreanischen Weißkohl. Mein Naziverdacht allerdings erhärtete sich, als ein Hotel zwei Stationen weiter mit dem Namen einer nordischen Gottheit versehen warb. Tief draußen in Weissensee traf ich dann Lulu vom Süßen Mädchenkombinat, deren Wohnung ziemlich günstig ist, die aber mit Wasserschäden und ihren Folgen zu kämpfen hat. „Zeig mir deinen Stadtteil und lass uns was essen gehen“ sagte ich und erfuhr, dass auf mehreren Straßenzügen beyond Antonplatz „das Internet komplett abgestellt worden ist“. Das ist genau dieser Area nicht gut bekommen. Obwohl es Samstagmittag, beste Einkaufszeit war, war alles geschlossen, und man marschierte an lauter dichtgemachten Geschäften vorbei, von denen das auffälligste ein dichtgemachtes Internetcafé war. Wobei mir die Idee eines Internetcafés ohne Internet gar nicht so schlecht gefiel. Auch zu Essen gab’s nichts. In der „Osseria“, einem kleinen DDR-Nostalgie-Spot (wie man in Mitte sagen würde, auf sächsisch wohl eher Laukeeeschen), hing DDR-Geld an der Wand, aber es war Weihnachtsfeier, sonst war alles geschlossen, selbst die Lieblingspizzeria der Süßen Mädchen war dicht („sie hat erst kürzlich aufgemacht“) und so stand ich wieder vor der Pension mit dem Namen des Germanengotts. Lulu wusste auch nichts Genaueres und mutmaßte „ist vielleicht ein Nazipuff“. Ja liebe Leser, ich weiß, dass ihr das gerne lesen würdet. „Mit Süßen Mädchen im Nazipuff“, aber nix da. Am Ende wurde doch nichts Landestypisches gegessen, sondern mexikanisch, denn das war das einzige, was offen war. Noch bin ich unschlüssig, ob ich demnächst auch andere mir nicht bekannte Stadtteile am Wochenende aufsuchen soll, um was zu erleben, und ob ihr Lust auf einen Artikel „Mysterium Reinickendorf“ habt oder gar „Crazy Marienfelde“. So was will gut überlegt sein, vor allen Dingen, wenn dort keine Süßen Mädchen wohnen.
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