| Berliner Morgen |
| Geschrieben von Jürgen Laarmann | ||||||||
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Glücklich ist, wer einen tollen Absturzschuppen in seiner Nachbarschaft hat. In meinem Fall ist das die grandiose Mini-Bar im Graefekiez, die die
wichtigsten Kriterien für eine korrekte traditionelle Berlin-Location
erfüllt.
Kein Schild an der graffitibeschmierten Tür und keine Außenbeleuchtung, gutsortierte Theke, so klein, dass man den Barkeeper immer direkt vor sich hat, von daher auch immer voll, aber so, dass man gerade noch reinpasst und stets sofort immer irgendwen kennen lernt und die Gespräche an der Theke ungewollt mitkriegt. Im britischen »Guardian« war die Mini-Bar schon mal unter den Top 10 der Berliner After Hour Hot Spots gelistet, wobei diese das Publikum mit »art-kids looking up to long term alcoholics as role models« beschrieb. Seither wird man von den internationalen Gästen häufiger angequatscht mit »Where do you come from« und dann ganz fasziniert ausgefragt, wie man sich denn als »resident« hier so fühle. Neulich hatte ich das Vergnügen, gleich zwei Mal an einem Morgen in der Mini-Bar zu sein, zuerst kurz nach vier auf einen Absacker. Das Gäste-Line-up kam mir vor wie das aktuelle Berlin-Klischee. Ein dank Electroswing Outfit mit Anzug und Schiebermütze viel jünger aussehender Mitfünfziger wollte zwei bebrillte Kunststudentinnen von der Idee eines Dreiers überzeugen, der wahrscheinlich nicht mehr allzu flott gewesen wäre. Eine krakeelende Schauspielerin fauchte mit großen Gesten einen Schalträger an, wie sie »die Rolle interpretieren würde«, ein irrer Finne umarmte mich und erzählte mir, dass er am Abend gerade vom Münchner Oktoberfest gekommen wäre und dass dort zehn Bier über 100 Euro gekostet hätten und ein Pärchen versuchte, auf einem Tisch so was wie Tango zu tanzen und rempelte dabei ein weiteres Grüppchen an, das halb begeistert war über so viel Stimmung, halb damit beschäftigt, die Getränke in Sicherheit zu bringen. Wenn's am schönsten ist, soll man gehen, dachte ich, um dann zwei Stunden im Bett zu liegen, nicht pennen zu können und keine Kippen mehr zu haben. Also zehn vor sieben zurück in die Mini-Bar. Der Electroswingmitfünfziger sah nicht mehr jünger aus als er war, aber kuschelte mit einer älteren Sonnenbrillenträgerin, ein Fall von »Restefi*ken works«, der Finne hingegen schlief friedlich zwischen den Kunststudentinnen, die Schauspielerin hatte größte Mühe, ihren Weg zum versifften Klo »zu interpretieren«, ihr Schalträger war nicht mehr da, das Tangogirl saß in der Ecke und unterhielt sich mit einem Neu-Ankömmling darüber, in Zukunft lieber nicht mehr so viel zu saufen. Kurzum, es bot sich mir ein Bild seliger Zufriedenheit und vollkommener Weisheit.
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