Das Wunder von Berlin
Geschrieben von Jürgen Laarmann   
Ich bin kein fanatischer Anhänger des Live-im-Stadion-Fußballguckens—im Herbst schon gar nicht.
Die unbequeme Anfahrt zum Olympiastadion gleich mit welchem Verkehrsmittel, die Ansteherei, am Eingang, an der Security, am Getränkestand – das ist nicht mein Ding.
Aber beim einzigen WM-Quali-Spiel in Berlin, dem denkwürdigen Deutschland-gegen-Schweden-Spiel, habe ich mich dann doch hinreißen lassen. Das Anstehvergnügen sollte gar nicht so schlimm werden, schließlich konnte man über Eventim die Tickets zuvor ausdrucken.

Ich druckte die Tickets aus. Mein Kumpel nahm seines direkt mit. Leider ließ ich meins im Büro liegen und druckte zur Sicherheit daheim also beide aus, da ich keine Ahnung hatte, welches der Tickets ich ihm gegeben hatte. Dummerweise fuhren wir anders als geplant getrennt an und als ich ihn dann telefonisch nicht erreichen konnte, wurde mir klar, dass es nun sehr nervig werden könnte. Wenn ich reinginge mit dem Ausdruck seines Tickets, käme er nicht mehr rein: Feindschaft forever. Also wartete ich am Stadion und wählte immer wieder seine Nummer und es dauerte bis ich ihn erwischte: er saß eingekeilt zwischen feierlustigen Schweden in der S-Bahn, was die Kommunikation nicht einfacher machte. Anpfiff war in 20 Minuten.

Nachdem das mit den Ticketnummern geklärt war, verabredeten wir uns auf den Plätzen und ich stellte mich beim riesigen Pulk an. Nach 10 Minuten war ich an der Schleuse, wo mir der Ordner sagte, dass man den Ausdruck erst an einem Counter vor dem Stadion in ein so genanntes Hardticket umtauschen müsse, wovon allerdings Eventim nichts hatte verlautbaren lassen. Unter dem Gelächter der anderen Leute, »haste dich im Spiel geirrt, Alter?«, trollte ich mich zurück und begab mich auf Countersuche.

Da traf ich dann auch meinen Kumpel und während die Hymnen gespielt wurden, rannten wir zum Einlass, der sich genau auf der anderen Stadionseite befand wie unser Tribünenplatz. Das Spiel hatte längst begonnen und wir hetzten fluchend und wütend ums Stadionrund, mein Kumpel schrie »Wir werden Eventim verklagen«. Doch in der Sekunde, als wir den Innenraum betraten, fiel das Traumtor zum 1:0. Alles supi. 2:0, 3:0 Halbzeit 4:0, gemeinsames Feixen.

Als das 4:1 fiel sagte ich halb im Spaß, »was nun passiert, wird in Schweden für immer das ›Wunder von Berlin‹ genannt werden« und da stands auch schon 4:2. Das schwedische Wunder trat mit dem 4:4 Ausgleich in letzter Sekunde dann ja tatsächlich ein und der Rückweg war natürlich ein bisschen »psycho« inmitten von lauter kopfschüttelnden Grüppchen, die vielstimmig »Das gibt’s nicht, das gibt’s nicht« mäanderten, fassungslos und sich-betrogen-fühlend—sowie total durchdrehender Menschen in gelben Trikots. Wir haben dann trotzdem auf die Klage gegen Eventim verzichtet.

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