Die Mauer & ich
Geschrieben von Jürgen Laarmann   
Jetzt reicht es auch mit 20 Jahre Mauerfall und den gefüllten Sendeplätzen und Rubriken, wie wer es wie erlebt hat und so weiter. Doch der Vollständigkeit halber meine kleine Mauer-Geschichte.
Ich bin im August 1989 von Frankfurt nach Berlin gezogen, um an der Hochschule der Künste zu studieren und war ein typisches voll ignorantes West-Kid ohne Ostanschluss. Ostberlin hatte ich schon ein paar Jahre vorher im Rahmen der obligatorischen Klassenfahrt komplett für mich abgehakt – weil’s da grau und scheiße war. Fünf Stunden Ostberlin-Aufenthalt mit Zwangsumtausch am Tränenpalast, nicht wissen wofür man den Zwanziger ausgeben soll, halt mal was schlechtes essen gehen (»warten Sie bis sie platziert werden«) und im Centrum Warenhaus die leeren Regale ansehen und schon nach zwei Stunden wieder zurückwollen und demzufolge drei Stunden genervt rumlungern, hatten gelangt. Und weil mir nun die Idee, in einer Stadt mit Mauer drum herum zu leben nicht gut gefiel, hatte ich für mich beschlossen: Es gibt gar keine Mauer.

Das funktionierte tatsächlich prima, denn mein Radius reichte seinerzeit von meiner Wohnung am Hermannplatz bis zum Ernst-Reuter-Platz, wo die Uni war. Ich achtete also penibel darauf, dass ich die Mauer nicht zu Gesicht bekam, was prima klappte. Selbst beim Reisen (damals mit dem Studi-Ticket der PanAm) musste man nur die Augen beim Start oder Landeanflug schließen und im Nachtzug gab’s zwar nervige DDR-Grenzer, aber nicht wirklich »die Mauer« zu sehen. Am 9. November erreichte mich ein Anrufe aus Westdeutschland: »Man bei Euch ist ja was los! Kaum ziehste nach Berlin fällt die Mauer, höhö«, was mich aber nicht daran hinderte, meine schöne Strategie der Mauer-Umgehung zu ändern. Dass am nächsten Tag die Stadt voll mit den kleinen hässlichen Autos und Leuten in Stone-Washed-Jeans war, nahm ich eher klaglos hin.

Am 12.11.89 musste ich dann als Spex-Reporter nach Belgien, um ein Electric Body Music Interview mit Front 242 zu führen. Der Nachtzug war so voll, wie man sich das im Tokioter Hauptverkehr vorstellt. So stand ich gestapelt mit lauter Ossis für 14 Stunden im Gang. Ich erinnere mich, dass mir ein nettes Ossi-Girl ebenso großzügig wie absurderweise eine Banane spendierte.

Bis zum Mai 1990 klappte meine Mauer-Ignorierungsstrategie hervorragend, dann bin ich bei einem Spaziergang in Kreuzberg doch mal um die falsche Ecke gegangen und da stand sie: schon ziemlich ramponiert, aber immer noch beeindruckend. Und schon bald darauf, eröffnete der Tresor und es gab nun einen Grund »rüberzufahren« – wenn auch nicht allzu weit.




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